ALBERT
HERRING

Eine Oper von Benjamin Britten


Albert, oder wie alles anfing

Albert Albert Albert

Wo bist Du?
Wie siehst Du aus?
Werd ich Dich je finden?
Albert oh Albert...

Erste Woche:

Es gibt keinen Klavierauszug, nicht zu kaufen und nicht zur Ausleihe. Fängt ja gut. Suche auch noch eine Britten-Biographie oder Musikalische Analysen von Herring. Nichts.

Zweite Woche:

Habe die einzige Britten Biographie (auf Englisch) gekauft und ein Vermögen dafür ausgegeben. Klavierauszug und Partitur sind bestellt. Ich warte. Geduldig.

Dritte Woche:

Ich warte...

Vierte Woche:

...noch immer geduldig.

Fünfte Woche:

Es gibt auch keine CD, konnte mir eine vom Dirigenten leihen und schwarz brennen. Yeah! Warte. Ungeduldig.

Sechste Woche:

Ich bin nach Belgien in eine Kleinstadt gezogen. Zu meiner großen Liebe. Ein Versuch. Mal Dorf kennenlernen. Naja. Ohne Alkohol läuft hier nichts. Werde ich mich hinreißen lassen? Und warte... unglücklich.
Ein Whisky auf Eis.

Siebente Woche:

Warten wird zur Qual. Wie soll ich das Stück inszenieren, wenn ich nicht mal die Grundlagen kenne, geschweige denn besitze. Das belgische Dorf entwickelt sich zum Alptraum. Sehe nur noch Hunde. Scheißhaufen wherever you go... Was hilft´s. Selbstauferlegte Suche nach Albert und der großen Liebe.
Fünf Whisky auf Eis. Mehr als unglücklich.

Achte Woche:

Erster Tag:
Habe mich bei der Musikalienhandlung beschwert, dass meine Bestellung noch nicht da ist. Sie schicken es nach Belgien nach. Wenigstens das. Große Liebe geht arbeiten. Ich sitze allein hier mit den Hunden und den Haufen. Albert bellt. Kein Alkohol.

Zweiter Tag:
Habe die CD angehört. Die ersten acht Minuten der Oper. Bin entsetzt. Das soll ich machen? Albert hat mir auf den Kopf geschlagen, liege mit Migräne im Bett. Es helfen nur noch sechs Whisky ohne Eis und ein Joint. Scheiß Hunde...

Dritter Tag: Migräne. Verzichte auf Whisky, drei Joints.

Vierter Tag: Große Liebe erklärt mir, sie brauche mehr Freiheit für sich. Mir ist alles egal. Albert will auch Freiheit. Und was will ich? Höre noch mal die ersten acht Minuten der CD. Erkenne mein belgisches Dorf und die Hunde wieder. Entdecke absurde Gelüste. Ein Joint und einen Whisky auf Eis.

Fünfter Tag: Albert weckt mich, ich will nicht aufstehen. Mir fehlt die Großstadt. Unglücklich. Entdecke ein Klavier und Rotwein. Albert läuft weg.

Sechster Tag: Wunder geschehen. Heute sind Klavierauszug und Partitur angekommen. Endlich. Albert und ich quälen uns zum ersten hören und lesen. Wir schaffen dreiundzwanzig Minuten. Rekord! Musik bleibt gewöhnungsbedürftig. Das Dorf auch. Vier Gläser Rotwein und einen Whisky.

Siebenter Tag: Bin in Scheißhaufen getreten. Mit dem linken Fuß. Wenn das nicht hilft. Mit zwei Rotwein begossen. Große Liebe besoffen heimgekehrt. Was wären wir ohne den Alkohol. Albert´s Ohr abgeschnitten und geraucht.

Neunte Woche:

Musikalische Analyse des ersten Bildes. Sehe nur Hunde. Die nerven, Albert auch. Wer bist Du? Zwei Joints und sieben Rotwein (der halbe Whisky zählt nicht).

Zehnte Woche:

Erfolgreich vor Albert gedrückt. Rezensionen geschrieben für belgische Tageszeitungen. Alles runtergemacht, stolz!, Kunst ist verdorben. Ich werde es besser machen. Es ist meine Kunst, und mein Albert!

Elfte Woche:

Verweigere mich der großen Liebe. Die Hunde beobachten uns, das nervt. Tageszeitung will mehr Artikel. Avanciere zum Lokaljournalisten. Dorf verdirbt. Alkohol auch. Das Glück kehrt wieder. Erste Zeichnung von Albert, häßlicher Schuljunge mit dicker Hornbrille. Zerreiße sie und spiel Klavier. Hunde verschütten Rotwein über die Tastatur. Ich verzweifle. Von wegen Glück. Wieder mal Whisky, zwölf Gläser.

Zwölfte Woche:

Britten´s Biographie auf Englisch in den Papierkorb geworfen. Verstehe kein Wort. Ganze Oper gehört. Ziemlich lang, sehe kein Land. Wo soll ich anfangen? Große Liebe hat mich in die nächste Großstadt zum Shoppen gefahren. Das war dringend nötig, bevor der Dorf-Wahnsinn meinen Kopf befällt. Blase Rauchschwaden in die Luft. Mein Kopf dröhnt. Nichts hilft.
Albert fischte Britten aus dem Papierkorb. Ich werde es nochmal versuchen. Vielleicht.

Dreizehnte Woche:

Kein Kommentar. Kiffen hilft...

Viele Wochen später:

Musikalische Proben haben begonnen. Habe erfolgreich belgisches Dorf verlassen. Große Liebe hat erfolgreich mich verlassen. Hundewahn geblieben. Beginne Albert zu lieben. Kann schon die Musik pfeifen. Brauche zur Zeit keinen Alkohol. Nur einen Joint.

Fünfter Tag:
Bühnenbild steht, Hundescheißhaufen überall. Schuld ist das belgische Dorf und Albert.

Sechster Tag:
Die lebenden Hunde aus Konzeption gestrichen und durch Plüschtiere ersetzt. Große Liebe hat angerufen und seine Liebe gestanden. Ich liebe zwei: Ihn und Albert. Beide sind verschwunden, spurlos.

Siebenter Tag:
Murx den Europäer in der Volksbühne hat mein Kunstdenken verändert. Selten so gelacht, gekotzt und verstanden. Das kann ich auch. Realismus verschwindet, grotseke Ideen vermehren sich in meinem Körper wie Karnickel. Was ist absurd? Albert hustet, er ist krank. Ich spendier ihm einen Whisky, mir auch.

Weitere Wochen später:

Erster Tag:
Konzeptionsgespräch. Wie erklär ich den Sängern die Hundescheißhaufen auf der Bühne? Dirigent gibt Bier aus. Mir geht es besser. Rede drei Stunden auf die armen Sänger ein. Leider wurde das auf Video aufgezeichnet, versuche Band zu vernichten. Mißlingt. Keinen Schlaf, nur Albert-Träume. Joint verhilft mir zu verdienter Ruhe. Scheißhaufen akzeptiert...Yeah!

Zweiter Tag:
Große Liebe erklärt mir, er hätte eine Neue. Ich weine. Proben beginnen. Woraus macht man Scheißhaufen für die Bühne? Pyroschaum kostet 50 Euro pro Sprühdose. Zerknülle Packpapier, geht auch. Albert ist wieder aufgetaucht. Er tröstet mich. Ich lasse mich in seine Arme fallen. Endlich frei. Ohne alles.

Dritter Tag:
Wie inszeniert man Dorfspießer? Lasse mich von belgischen Erfahrungen inspirieren. Sänger werden zu Hunden. Ich faß es nicht.

Vierter Tag:
Der Wahnsinn greift um sich. Die Hunde sind wieder da. Albert ist auch einer. Brauche einen Whisky...

Fünfter bis siebenter Tag:
Wahnsinn ist kreativ, verlorene Liebe bringt Energie. Schade, dass Albert meinen Schlaf geraubt hat. Brauche Ferien, jetzt schon.

Kurz vor der Premiere:

Hätte nicht geglaubt, Scheißhaufen würden sich halten. Albert steht dazwischen. Sieht gut aus, aber verstehe ich noch die Welt? Was ist normal und was Wahnsinn? Habe mir Scheihaufen eingerahmt und an die Wand gehängt. Albert hängt daneben. Albert oh Albert!




Anja Nicklich - 14.7.02

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